Kälteurtikaria - eine "Allergie" gegen Kälte

Image designed by prostooleh / freepikImage designed by prostooleh / Freepik

Die Urtikaria heißt im Volksmund auch Nesselsucht. Dieser Name stammt von dem Gefühl, in Brennnesseln gefasst zu haben. Eine ihrer Unterformen ist die Kälteurtikaria, die häufig auch als Kälteallergie bezeichnet wird. Die Kälteurtikaria ist jedoch keine Allergie, da im Gegensatz zu einer Allergie keine Antikörper gegen ein Allergen gebildet werden, sondern die Reaktion auf den physikalischen Reiz der Kälte erfolgt.

Daher wird die Kälteurtikaria den sogenannten Pseudoallergien zugeordnet. Sie ist eine der häufigeren Formen der Physikalischen Urtikaria, zu denen auch die Symptomauslösung z.B. auf mechanischen Druck zählt.

In kalten Ländern ist die Kälteurtikaria häufiger als beispielsweise in den Mittelmeerstaaten. Frauen sind etwa doppelt so oft betroffen wie Männer, beide Geschlechter meist im jungen Erwachsenenalter.

Die Reaktion der Haut auf Kälte entwickelt sich meist im Laufe des Lebens - und verschwindet in vielen Fällen auch wieder nach etwa fünf Jahren. Die Auslöser sind genau wie die Gründe für das Verschwinden der Krankheit noch nicht völlig bekannt.

Es werden jedoch vielfältige Zusammenhänge diskutiert. So wurden als Ursachen Infektionskrankheiten ausgemacht, z.B. Gelbsucht, Masern, Windpocken, Atemwegs- und HIV-Infektionen sowie Parasitosen (Wurmerkrankungen). Häufig ist eine Kombination zwischen Nesselsucht und Nahrungsmittelallergien sowie belastungsabhängigem Asthma.

Reaktion des Histamins

Bei der Kälteurtikaria löst ein Kältereiz die Freisetzung von Histamin aus - und zwar an der Stelle, wo die Kälte auf die Haut einwirkt. Es bilden sich innerhalb kurzer Zeit stark juckende Quaddeln.

Die Freisetzung der körpereigenen Mediatorsubstanz Histamin ist eigentlich ein sinnvoller Mechanismus des menschlichen Immunsystems. Histamin wird im normal funktionierenden Organismus immer dann aus den Mastzellen freigesetzt, wenn Krankheitserreger in den Körper eindringen.

Die Histaminfreisetzung bekämpft schädliche Bakterien, Viren oder Pilze, sie ist Bestandteil der normalen Entzündungsreaktion im Körper. Allerdings wird bei Allergikern der Botenstoff auch schon bei eigentlich unschädlichen Allergenen unnötig freigesetzt. Histamin bewirkt eine Gefäßerweiterung. Daneben werden Haut und Nerven gereizt und es kommt zu den Symptomen der Hautrötung, Schwellung und Juckreiz. In den unteren Hautschichten entstehen sogenannte Angioödeme, mit Wasser und Gewebsflüssigkeit gefüllte Beulen.

Meistens sind Hände und Gesicht von dieser überschießenden Reaktion auf Kälte betroffen, die Quaddeln können aber auch an den Beinen auftreten. Auch die Schleimhäute im Mund- und Rachenbereich sind möglicherweise von Schwellungen bedroht - z.B. bei Kälteurtikariern, die auf kalte Getränke oder Eis reagieren.

Nicht nur im Winter gefährlich

Die Kälteurtikaria tritt nicht nur im Winter auf, auch wenn sie in der kalten Jahreszeit ihren Höhepunkt hat. Auch im Sommer gibt es für die Betroffenen verschiedene Gefahren. So kann es beim Konsum von kalten Getränken oder beim Eisessen dazu kommen, dass die Lippen anschwellen.

Tabu ist auf jeden Fall der Sprung ins kalte Wasser. Durch die Möglichkeit eines anaphylaktischen Schocks besteht in diesem Fall sogar Lebensgefahr. Die Gefäße des Körpers weiten sich, sodass der Blutdruck rasant abfällt - was zu einer Unterversorgung der lebenswichtigen Organe führen kann.

Auch im Alltag gibt es Kältefallen, die zunächst gar nicht so problematisch erscheinen. So ist es für Betroffene schon schwierig, Tiefgekühltes aus dem Gefrierschrank zu holen. Das Anfassen eines kalten metallischen Gegenstandes kann ebenfalls zu den Hautreaktionen führen.

Die Verdunstungskälte, die beim Radfahren oder Joggen durch das Schwitzen entsteht, hat bei Urtikariern ebenso Auswirkungen. Welcher Kältereiz die Symptome hervorruft, ist von Mensch zu Mensch verschieden. So gibt es Betroffene, die bereits beim Heraustreten in die kältere Außenluft mit Quaddeln reagieren. Bei anderen muss die Außentemperatur unter einen bestimmten Wert fallen.

Da es sich bei der Kälteurtikaria um keine Antigen-Antikörperreaktion handelt, sind entsprechende Diagnosemethoden weder notwendig noch möglich. Normalerweise nutzt der Allergologe neben der ausführlichen Anamnese einen einfachen Test zur Feststellung einer kälteassoziierten Urtikaria. Dabei werden mehrere Eiswürfel auf den Unterarm gelegt und zu unterschiedlichen Zeitpunkten wieder entfernt. Wenn sich dann die typischen Hautsymptome zeigen, ist eine Kälteurtikaria ziemlich sicher.

Allerdings ist es so nicht möglich, die exakte und individuelle Temperatur festzustellen, bei der die Hautreaktion startet. Hier bietet sich der sogenannte Temptest an, der mit einem speziellen Kältetestgerät durchgeführt wird.

Behandlung und Vorbeugung

Zu den medikamentösen Möglichkeiten einer Therapie zählen Antihistaminika, die die Ausschüttung des Histamins eindämmen. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass die Antihistaminikatherapie bei Kälteurtikaria nicht immer erfolgreich ist. Es wird davon ausgegangen, dass nicht alle Quaddeln durch die Histaminausschüttung entstehen, sondern dass es weitere - bislang noch nicht ausreichend erforschte - Ursachen gibt.

Da Infektionskrankheiten häufig zusammen mit der Kälteurtikaria vorkommen, können auch Antibiotika zum Einsatz kommen. Eine Studie zeigt, dass es bei bis zu 70 Prozent der Teilnehmer zu einer Besserung der Symptome kam.

Nicht-medikamentös sind Behandlungen mit UV-Strahlen und die sogenannte Hardening-Therapie. Bei dieser Kältedesensibilisierung werden die Patienten wiederholt kalten Temperaturen und Bädern ausgesetzt. So sollen sie sich an Kälte gewöhnen. Wie viel Erfolg eine solche Therapie hat, ist bislang noch unklar.

Zur Vorbeugung sollte man Kälte so gut wie möglich meiden. Das heißt dann für Betroffene auch, auf Skiurlaub und Co. zu verzichten. Im Winter auf jeden Fall Handschuhe, Schal und Mütze tragen, um so wenig Hautpartien wie möglich der Kälte auszusetzen.

Bei einem schnellen Rückgang der Symptome sollte man auf Medikamente verzichten - und sich gegebenenfalls schonen. Erst bei schweren und anhaltenden Beschwerden - und vor allem bei den Anzeichen eines anaphylaktischen Schocks - sind Medikamente notwendig.

Im Notfall ist eine antiallergische Salbe hilfreich, die schnell aufgetragen werden kann. Da es zu Schluckstörungen kommen kann, sollte das einzunehmende Antihistaminikum in flüssiger Form vorliegen.